MEENA

Ich wurde in einem kleinen Dorf geboren, wir hatten einen Plattenspieler und Platten von den Bambis und Rock´n Roll Sampler, später mischten sich ein paar Schlager dazu und auch Ambros, Danzer, Fendrich, Hirsch oder Udo Jürgens und die EAV. Im Auto wurden Kassetten gehört, Es war nur ein Sommertraum und Rock around the clock gingen nahtlos über in Mercy Cherie und Küss die Hand schöne Frau. Musik zieht meine Ohren magnetisch an, ich kann all diese Lieder heute noch mitsingen, ich möchte fast meinen, dass ich keinen einzigen Ton vergessen habe, keine Gitarren- und oder Klaviermelodie und keinen Schlagzeugübergang.

Mein Opa hatte eine Zither und eine tiefe Stimme. Ich kann mich erinnern, wenn sie geprobt haben, dass die alten Männer dann die Köpfe immer ganz nah zusammen gesteckt haben und leise brummend jeder seine Harmoniestimme gesucht hat. Das ging wort- und notenlos und wirkte wie eine Zeremonie kurz vor dem Auftritt, ein aufeinander Einschwingen, es beeindruckte mich sehr. Und mir fiel damals schon auf, dass es Unterschiede gab bei den Musikanten und Musikantinnen. Es gab die, die voller Inbrunst die alten Volkslieder mit ihrer Seele und ihrem Organ erfüllten und die anderen, die dabei waren weil man nach jeder Probe obligatorisch zum Wirt ging. Mein Opa gehörte zu den Ersteren, meine Oma auch, meine Tante und mein Onkel auch, ebenso wie meine Mutter, mein Vater, mein Bruder und meine Schwester und deren Kinder, die habens auch – diese Verknüpfung zwischen Emotion und Musik und zwischen Leidenschaft und Ausdruck.

 

Ich hab in vielen Interviews immer gesagt, dass ich aus einer musikalischen Familie komme, das stimmt auch so, aber als ich mit zwölf ein Klavier haben wollte, hab ich es nicht bekommen. Sie haben mir auch nie gesagt dass ich Musikerin werden sollte, das war nicht mal ein Beruf, das war eine Selbstverständlichkeit wenn man mit Freunden oder im Verein zusammen sitzt, trinkt, isst und feiert, das war Nichts mit dem man Geld verdient. Wenn, dann war es noch Unterhaltung und Brauchtumspflege – ich hab gemeinsam mit meiner Schwester im Kirchenchor gesungen, bei den Sternsingern, bei Taufen und Hochzeiten, Geburtstagsfeiern, im Wirtshaus oder auf der Schihütte. Wir haben gesungen wenn Freunde da waren oder wenn wir den Abwasch machen mussten. Wir haben mit einer alten Waschtrommel als Schlagzeug und mit einem Tennisschläger als Gitarre, Jenseits von Eden gespielt und Ein bisschen Frieden. Und irgendwann kamen unsere Eltern auf die Idee, meine Schwester und mich zu einem Gitarrenlehrer zu schicken, wir bekamen Gitarren und wurden zum Unterricht gefahren. Lange hat das nicht gedauert und ehrlich gesagt weiß ich nicht mehr, ob der Gitarrenlehrer oder meine Eltern aufgegeben haben. Ich jedenfalls hab verweigert, der Gitarrenlehrer war unappetitlich und er langweilte mich. Sein Zugang zu Musik stand diametral zu meiner Liebe zu Harmonien und Tönen. Mit sechs Jahren wollte ich in der Schule Blockflöte lernen, das durfte man aber erst ab acht, die Musiklehrerin ließ mich trotzdem mitmachen und erzählt meinen Eltern jetzt noch, dass ich das Blockflöten-Übungsheft in Rekordgeschwindigkeit spielen konnte. Was sie bis heute nicht weiß ist, dass ich die Lieder aus dem Kopf gespielt hab und in Wahrheit noch immer nicht richtig Noten lesen kann.


Anderen Lehrern habe ich es zu verdanken, dass ich mit acht Jahren die ersten Gitarrengriffe lernte und begann neben Donavan und Dylan Liedern, auch meine ersten eigenen Sachen zu komponieren. Oder dass ich mit zwölf Jahren in einem Musical gesungen und mit der Schulband California Dreamin in der Turnhalle zum Besten gegeben hab. Es war aber auch eine Lehrerin, die mir im Oberstufengymnasium ständig ein Nicht Genügend in Musik gab.

Meine erste Gitarre hatte einen Namen und war meine Freundin. Für mich sind Instrumente wie eine warme Wolldecke, sie bedecken meinen Körper und befreien meine Gefühle. Mir fehlte von Beginn an der geschäftstüchtige Zugang zur Musik, ich hatte zwar immer schon die Selbstsicherheit mich vor Menschen hin zu stellen und zu singen aber niemals diese Selbstverliebtheit, die mich davon überzeugt hätte, dass mein einzigartiges Talent genau das ist, was die Welt braucht. Und meine Managerin, meine Booker, mein Plattenchef, diverse Produzenten und mein Bandleader haben mir immer gesagt, dass genau das das Problem ist warum ich nie weltberühmt werde. 

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Ich hab sehr früh gelernt, welchen Einfluss Musik auf mich hat. Musik war für mich immer ein Rückzugsort, eine Blase aus Tönen und Melodien in der ich ganz für mich allein sein konnte.
Mein Bruder war es , der die erste Dave Brubeck Platte mit nach Hause brachte, ich war sofort hin und weg, ich mochte die Rhythmik und ich mochte die Dichte dieser Musik, die Raffinesse. Später schenkte er mir eine Kassette, die Hits der 70er und da war Hendrix drauf und Voodoo Child und das war für mich wieder so eine Begegnung der aussergewöhnlichen Art, etwas das mich packte und nicht mehr los ließ, ich hab immer wieder zurück gespult und mir das Lied nochmal angehört und nochmal, bis ich das gesamte Gitarrensolo mitsingen konnte.

Zu dieser Zeit wollte ich immer nach Afrika gehen und Kinder retten, ich wollte keine Sängerin werden, ich fand auch diese ganzen Magazine mit den Stars, wie Bravo oder Rennbahnexpress uninteressant, ich fand Stars uninteressant, ich fand diese Glitzer-Glitzer-Scheinwelt aus Schminke und seltsamen Klamotten brachial und billig. Ich wollte eine Revolution anführen, ich wollte die Oberrebellin sein und die Welt verändern. Dass auch Musik die Welt verändern kann, hab ich bemerkt, als ich mit sechzehn, siebzehn Jahren meine ersten Reisen unternahm und irgendwann in Athen am Bahnhof gestrandet bin. Da saß ich dann am Boden inmitten einer großen Gruppe an wartenden Menschen aus verschiedensten Ländern und irgendwann wurde die Stimmung immer aufgeheizter, Kinder fingen an zu Weinen und Schreien, Erwachsene begannen sich zu beschimpfen und da packte ich meine Gitarre aus, dachte an meine Rebellion und begann erst leise und dann immer lauter zu spielen und zu singen und es wurde ruhig, die Kinder verstummten und die Erwachsenen klopften sich plötzlich auf die Schultern und beschenkten sich mit Schnaps und Zigaretten. Und da war mir klar, mein Instrument zur Weltveränderung wird nicht das Politikstudium, sondern die Musik. Studiert habe ich am Ende Sozialarbeit und wenn ich schon nicht die gesamte große Welt verändert habe, so doch viele kleine Welten. Ich hab gemeinsam mit Eltern und Kindern, viele kleine Revolutionen initiiert und mitgetragen und während ich zu dieser Zeit schon meine ersten offiziellen Konzerte spielte, war es die Sozialarbeit, die mich immer wieder kompromisslos auf den Boden der Tatsachen stellte, sie zeigte mir immer wieder sehr deutlich, für wen ich meine Musik machen sollte und auch warum.

Ich hatte schon auch immer Glück im Leben, den ich bekam einen Stiefvater mit einer aussergewöhnlichen Platten- und Gitarrensammlung. Und mit ihm kamen auch die ersten Beatles und Rolling Stones Alben, The Who und Travelling Wilburys meine erste Nina Simon Collection, mein erstes Led Zeppelin Album und die gesammelten Dylan Werke auf Kassetten. Zeitgleich entdeckte ich die Stimmen von Joe Cocker, Janis Joplin und Marla Glenn und war ebenso aufgeregt und begeistert wie damals, als ich das erste mal Voodoo Child auf dem Sampler gehört hab. Alle diese Musikerinnen und Musiker transportierten mit ihrem Instrument eine Woge an Emotionen, dass ich unentwegt Gänsehaut bekam und am Liebsten gleichzeitig geweint und gelacht hätte.
Ich kann mich noch erinnern, als ich mit einer Freundin gemeinsam eine Joplin Platte hörte und ich plötzlich das Gefühl bekam als würden alle Instrumente direkt in meinem Körper spielen, alles in mir war Musik und alles ausserhalb existierte nicht mehr. So stellte ich mir das vor, wenn Menschen davon erzählen, dass sie von Ausserirdischen entführt wurden, bei mir waren es keine Ausserirdischen, es war Janis Joplin persönlich.

An diesem Punkt begann meine abenteuerliche Reise in abgedunkelte Räume mit murmelnden Menschen, deren größte Freude es war stunden und tagelang einfach nur eine Platte nach der anderen hören und über Gitarrensolos und Schlagzeuggrooves zu philosophieren. Und ich war mitten drinnen und sog alles in mich auf, die Musik, das Gerede, alles wurde in meinem Gedächtnis abgespeichert, als säße ich in einem Studium und im Grunde war es das auch, eine Vorlesung der etwas anderen Art. Wir machten Ausflüge und verrückte Videos und bei allem was wir taten, lief in meinem Kopf der dazu passende Soundtrack, das war auch die Zeit, in der ich Chris Fillmore kennen lernte.

Bei meinem ersten Auftritt hab ich den Blue Jean Blues von ZZ Top und Heartbreaker von Led Zeppelin gesungen, keine schlechte Wahl möchte man meinen aber dem Himmel sei Dank, dass mir in diesem zarten Alter die stimmliche Herausforderung dieser Lieder egal war und ich einfach voller Inbrunst an die Sache ran ging. Und so kam es, angefeuert durch die unglaubliche Lautstärke im Proberaum und auf allen Bühnen die ich die erste Zeit betrat, dass ich zwei Jahre mal nur geplärrt hab, damit ich mich selbst überhaupt hören konnte. Heute denk ich mir, dass ich dem verdanke, dass meine Stimmbänder unverwüstlich sind. Ich kann mich noch gut erinnern, als mir meine Band, mein erstes Gesangsmikrophon geschenkt hat, ich war gerührt und mit Stolz erfüllt, denn es bedeutete auch, dass ich ab jetzt fix dabei war und nicht mehr warten musste bis ich nach achtzehn Gitarrensolos und einem zwanzig minütigen Schlagzeugsolo auf die Bühne durfte um meine zwei Lieder zu singen. Damit begann auch, dass wir anfingen unsere eigenen Lieder zu komponieren und die hatten dann so verheissungsvolle Namen wie stoned and high oder machubichuman und wir spielten Ti Na Nee Na Nu und You can have my husband von Stevie Ray Vaughan und Bonnie Raitt. Die beiden Lieder spielen wir heute noch manchmal, alle unsere anderen Kompositionen und Mitschnitte von Proben schlummern irgendwo auf Kassetten auf irgendeinem Dachboden oder Keller, Chris hatte nämlich schon damals die Angewohnheit, dass er alles mitschneidet.

Wir spielten ein Konzert in einer Sporthalle in einer der umliegenden Gemeinden, als plötzlich nach dem Konzert eine blonde Frau mit uns zu reden begann, sie hatte einen anderen Dialekt, sie sah anders aus und passt so irgendwie gar nicht in diese ländliche Umgebung und sie war quirlig und aufgeregt und wir schlossen mit ihr eine Freundschaft, die mittlerweile über fünfzehn Jahre andauert. Susanne Fröstl wurde unsere erste hochoffizielle Managerin und wir dachten, wir hätten es geschafft. 

Fortsetzung folgt…